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25.11.2014

Blicke Filmfestival mit Innen- und Außensichten

Im leicht überfüllten Kinosaal  wurden am Samstagabend die Preise des  22. blicke filmfestival des ruhrgebiets  vergeben.
Der Dokumentarfilmpreis Ruhr, dotiert mit 1.500 EUR und gestiftet von DSW21, ging an „Nadeshda“ von Anna Frances Ewert und Falk Müller. Ein Film über den Ghetto-Alltag junger Roma zwischen Aufstiegshoffnung und Abstiegsangst. Das Jury Mitglied Quinka Stoehr hielt die Laudatio:
Nadeshda - Hoffnung. Ein Film, der sich unaufdringlich einem Ghetto der Roma in Bulgarien nähert und dabei insbesondere die Situation der Kinder in den Blick nimmt.
Tsveti, Zorka und Misha und ihre Familien träumen von einer Zukunft außerhalb des Ghettos, doch werden sie immer wieder mit der Realität konfrontiert. Der Film öffnet Türen in eine Welt, in der Armut und Ausgrenzung das Leben der Menschen bestimmen und zeigt fein und genau, wie Diskriminierung und Gewalt durch die Mehrheitsgesellschaft im Ghetto weiterwirkt. Doch er dokumentiert auch die Hoffnung der Kinder und ihrer Familien auf ein besseres Leben. All dies gelingt dem Film durch genaue Beobachtungen. So wird nicht nur  die Alltags- , Wohn- und Spielsituation der Kinder sondern auch die Straße und das Ghetto mit seinen Mauern nach innen und außen für uns eindrucksvoll bildlich erfahrbar.

Den Fiktionsfilmpreis Ruhr, ebenfalls dotiert mit 1.500 EUR erhielt Nico Joana Weber für „Markasit“. Der Film, in dem eine Frauengestalt durch die Universität Bochum führt, hatte am Mittwoch das Festival eröffnet und sowohl Wehmut nach der vergangenen Studienzeit als auch Erstaunen über Ecken des universitären Geländes ausgelöst, die Viele während der ganzen Jahre des Studiums nie entdeckt haben. Franziska Tippmann, die selbst  an der RUB studiert und dort das Internationale Videofestival geleitet hat, begründete die Entscheidung der Jury:  In langen, statischen Einstellungen folgen wir einer aus der Zeit gefallenen Protagonistin durch Hörsäle, Bibliotheken und Labore; über leere Betontreppen und endlose Flure. Wir folgen ihr hinaus über begrünte Stufen und Plätze; über Betonlandschaften, die nach und nach von der Natur zurückerobert werden. Wir dringen tiefer ins umliegende Dickicht des Campus ein. Auf die abstrakten Strukturen der in die Jahre gekommenen Architektur der 60er folgen Wald und hügelige Wiesen. Die Stille und das Zirpen der Neonröhren werden ersetzt durch das Lärmen von Frosch und Grille. Unsere Protagonistin wird gelöst vom strengen Dutt, die offen-wehenden Haare von kupfer-glänzenden Markasiten durchsetzt. Sie reitet davon und gibt uns den Blick frei auf die Ferne: Wie ein Raumschiff liegt die Ruhr-Universität Bochum vor uns in der Landschaft.
Konsequent bestimmt die Kamera den Rhythmus der Montage: Die Ruhe und Größe der Bilder öffnet dem Zuschauer einen Raum für eigene Gefühle und Interpretationen. Das macht die Kraft und Stärke dieses Filmes aus.

Den dritten Hauptpreis, den Preis für experimentelle Kunst und Animation mit 1.500 EUR kann der in Mülheim an der Ruhr geborene Peter Böving für „essen-stück mit aufblick“ mit nach Hause nehmen: „Der Hauptdarsteller dieses Filmes“, so die Jury, „ ist ein Gedicht von Ernst Jandl: „essen - stück mit aufblick“.
Als Auftakt erscheint sein Text unterlegt mit krachender, rhythmisierender Schreibmaschinenmusik.  Danach wohnen Text und die daraus fantasierte Spielhandlung nebeneinander.  Links im Bild das jandelsche „zwei Buchstaben - ein Wort - Spektakel“, damit wir die rechtsseitige kriminalistische Aufklärung einer mörderischen Tat verfolgen können.  Die handelnden Subjekte sind zu übrigens zu 98% Legofiguren.  Die Schausprechenden dieser Figuren sind - grandios: skurril und auf den Punkt.  Und so geht sie los die wilde Fahrt. Ein Krimispektakel mit losgelassenem Personal zeigt eine Enthüllungsgeschichte von rasanter Heiterkeit. Jandl, ob tot oder lebendig, liebt diesen Film.“

Vergeben wurde auch der von Trailer gestiftete „Querdenker-Preis“ in Höhe von 600 EUR an „Das übersteigt die Vorstellungskraft“ von Tom Briele. "Friede den Hütten, Krieg den Palästen", läutete  das dritte Jury Mitglied Quinka Stoehr die Laudatio ein, „bei Pommes mit Mayo für 2, 80 endet der besprochene Film bei Büchner. Drei alte Herren als Wutbürger führen uns durch den Film und stellen eine Verbindung zwischen Christos Verpackung des Gasometers in Oberhausen und dem daneben liegenden Konsumtempel ‚Cola Oase‘ her, was sich auch in der Montage des Filmes widerspiegelt. Wir begehen mit den genannten Herren den verhüllten Gasometer und sehen nur in der Entfernung begeisterte Kunstgenießer, während eine Schulklasse über Kunstzwang stöhnt und unsere Protagonisten über das Nichts reflektieren: das übersteige die Vorstellungskraft; dieser sterilisierte Präservativ eines Riesen.
Der Film stellt sich quer zur allgemeinen Christobegeisterung und  verweigert sich zugleich auch jeder bildlichen Ästhetik, in dem er zumeist die Perspektive von unten wählt und wir dem Pommes zuschauen, während dieser mit Mayo im Mund verschwindet. Dabei schrammt der Film auf der Eitelkeitsrille, ohne dies zu verstecken und ist doch witzig und hintersinnig. Wir verleihen ihm den Querdenkerpreis, denn wir finden, das kann nicht oft genug gesagt werden: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Denn wo sie Recht haben, da haben sie Recht - diese alten Grantler.

Das Publikum schließlich votierte für „Traumsequenz“ von Levan Tsintsadze, der vor Überraschung und Freude über den mit 300 EUR dotierten und vom Bahnhof Langendreer gestifteten Preis  fast sprachlos war. Traumsequenz, die auf Super8 gedrehte kleine Geschichte über den ersten Liebeskummer eines kleinen Jungen, dessen Enttäuschung durch die begleitende Rachmaninoff Polka unterstrichen wird.

Sonderwettbewerb
Nur 22 Sekunden lang durften die Filme sein, die zu dem Sonderwettbewerb "Wie ist das hier? 21+1" eingereicht werden konnten. Nach kritischen, poetischen, innovativen und unterhaltsamen Blicken in die Ecken und Kanten des Ruhrgebiets war gefragt worden. Für diese Clips, die online auch hier unter einundzwanzig.de zu sehen waren - gab es gestiftet von DO 21 (Bewegtbild der DSW21 Gruppe) - 2 x 500 EUR zu gewinnen.
Das Publikum votierte für „Opel“ von Oliver Idmann. Die Jury einigte sich anders: „Wir haben uns für ‚Inklusion‘  von Wolfgang Wendland entschieden. Der Film überzeugt durch seine ironische und kritische Distanz zum Gezeigten, seinen schwarzen, bissigen Humor, der hier im Ruhrgebiet heimisch ist, und regt durch sein offenes Ende zum Nachdenken über Formen der Inklusion im Ruhrgebiet an. Die Putten, von denen in manchen
Fällen nur noch Torsos mit lachenden Gesichtern übrig geblieben sind, zusammen mit dem fröhlichen Trinklied und den noch ganzen Figuren auf dem Brunnen vor dem Bochumer Rathaus ergeben ein Gesamtbild, das sich auf's Ruhrgebiet übertragen lässt, ist dieses doch von schönen Landstrichen ebenso durchzogen wie von weniger schönen.“ Alle 21+1-Clips liefen auch in der ständigen Ausstellung im Festivalbereich, die Jury bestand aus:
Sebastian Bickert, Web TV Redakteur bei DSW21
Dortmund, Matthias Pohl, Medienwissenschaftler, Lünen
Mary Shnayien, Theater- und Medienwissenschaftlerin, Bochum


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